Jahrgangsübergreifende Schuleingangsphase

Ergebnisse der Bildungskonferenz (20. Mai 2011)
Zusammen Schule machen für NRW
 
Unterrichtsentwicklung muss im Sinne eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses das Ziel verfolgen, „… in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen systematisch individuell unterschiedliche Wege und Lernzeiten“ zu zulassen.

 

Seit dem Schuljahr 2004/2005 arbeiten wir an der Norbertusschule in der Schuleingangsphase in jahrgangsgemischten Lerngruppen.
Leider mangelt es bisher an Forschungsergebnissen, die zum altersgemischten Lernen Rückschlüsse für die Gestaltung von jahrgangsübergreifendem Unterricht zulassen (vgl. Stamm 2003). Doch für uns ergeben sich aus unserer Praxiserfahrung mit dem jahrgangsgemischten Klassen folgende Vorteile, dieses Konzept zu favorisieren und weiterzuführen.
 Vorteile der Jahrgangsmischung:
– Lernen in Kooperation
– Individuelle Verweildauer
– Ina lernt anders
– Soziales Lernen
– Gewohntes wird weitergeführt

 

Jahrgangsgemischte Klassen ermöglichen

 

1. …Lernen in Kooperation: Kinder erfahren durch die „Elefanten (die Großen)“, wo der Weg hinführen kann, was man erreichen kann und erfahren dadurch eine hohe Lernmotivation ( „Ich möchte auch so lesen können“). Die „Elefanten“ können oft mit den jüngeren Schülern, „den Mäusen“, wiederholen und auffrischen. Manche Kinder lernen  erst durch Situationen, in denen sie anderen etwas erklären müssen. Außerdem erfährt ein vielleicht recht schwacher „Elefant“, der den „Mäusen“ helfen kann, die für ihn besonders wichtigen Erfolgserlebnisse. Das Lernen durch Lehren wird verstärkt genutzt. Ohne dass die „Elefanten“ zu bloßen Helfern abgestempelt werden, erleben sie auch oder gerade durch diese Rolle Gewinne. Die Pädagogen übernehmen dabei zunehmend die Rolle von Beobachtern und Beratern.

 

2. …eine individuelle Verweildauer: Es gibt kein „Sitzenbleiben“ und keine Zurückstellungen. Wer sich langsamer entwickelt und mehr Zeit benötigt, um Lerninhalte zu verinnerlichen, kann 3 Jahre in der Klasse bleiben, ohne Wechsel der Pädagogen, der Klasse oder des Raumes. Langsame Lerner können zeitweise mit Kindern der unteren Jahrgangsstufe arbeiten. Besonders leistungsstarke „Mäuse“ lernen mit den „Elefanten“, so dass manche Kinder die Schuleingangsphase in einem Jahr durchlaufen.

 

3. …die Erfahrung zu machen, dass Ina anders lernt. Die Kinder lernen, dass jeder anders ist. Unterschiede gehören dazu, gerade in jahrgangsgemischten Klassen ist dies selbstverständlich, denn schon das Alter ist unterschiedlich. Die Kinder der jahrgangsgemischten Klassen lernen zwangsläufig mit Unterschieden in ihrem individuellen Leistungsvermögen umzugehen.

 

4. …soziales Lernen. Soziales Lernen und soziale Mitverantwortung findet nicht nur durch gegenseitiges Helfen beim Lernen statt, sondern auch durch die Einführung in das Zusammenleben in der Klasse und der Schule: Die „Elefanten“ führen die „Mäuse“ in das Schulleben ein, in die sozialen Strukturen, Abläufe, Regeln, usw. Jeder „Elefant“ bekommt eine „Maus“ als Paten zugewiesen, um den er sich besonders kümmert. Dies ist eine entscheidende Stütze für die Integration von Kindern mit Verhaltensstörungen. Auch Einzelkinder machen „geschwisterliche“ Erfahrungen: Sie entwickeln soziale Kompetenzen im Umgang mit „jüngeren oder älteren, ähnlichen und sehr unterschiedlichen“ Kindern.

 

5. …dass Gewohntes weitergeführt wird. Denn schon aus dem Kindergarten kennen sie das Zusammensein mit jüngeren und älteren Kindern. Auch aus Familien mit Geschwistern ist ihnen diese Situation bekannt. Dies gibt vielen Kindern ein großes Maß an Sicherheit und Geborgenheit.

 

All diese Vorteile und Begründungen für die jahrgangsübergreifende Schuleingangsphase bedeuten nicht, dass auch diese Form des Unterrichts nicht Probleme mit sich bringt wie jede andere Unterrichtsform auch.
So lässt sich durch nicht vorhersehbare Schulanmeldungen eine nicht immer ausgewogene Anzahl an Mäuse und Elefanten in einer Klasse herstellen.
Es lässt sich auch darüber streiten, ob ein Lehrerwechsel nach der Schuleingangsphase von Vor- oder Nachteil ist.
Durch eine jährlich veränderte Klassengemeinschaft muss diese besonders durch gemeinsame Aktionen wie Kennenlerntage, Lesenächte und gemeinsame Ausflüge gestärkt werden.
Wir maßen uns nicht an, die einzig mögliche Form der Organisation der Schuleingangsphase gefunden zu haben. Jedoch halten wir aus oben genannten Gründen an dieser Form aus Überzeugung fest, immer gewillt Dinge zu verbessern und haben offene Ohren für konstruktive Kritik.
Wir stehen im stetigen Austausch mit anderen Schulen, die mit diesem Konzept erfolgreich arbeiten. So besuchten wir im November  2011 den Gewinner des Deutschen Schulpreises 2011, die Gemeinschaftsgrundschule Hackenberg in Remscheid. Dort hospitierten wir und tauschten uns mit den dort arbeitenden Kollegen aus. Im Januar 2015 werden wir mit dem gesamten Kollegium die Grundschule „Kleine Kielstraße“, Gewinner des Deutschen Schulpreises 2006, in Dortmund besuchen.